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Titelbild Im Schatten der Dornrose

Leseprobe Im Schatten der Dornrose

Hier ein Auszug aus meinem Das Schwarze Auge Roman Im Schatten der Dornrose. Wer nicht online lesen möchte, kann ihn auch als pdf herunterladen.


Leseprobe zu Das Schwarze Auge:
Im Schatten der Dornrose
von Bernard Craw

»Ich danke Euch«, sagte Thurbold und nahm mit beiden Händen den dampfenden Tee der Peraine-Geweihten entgegen.

»Um auf Eure Frage zu antworten: Ja, sie ist grausam. Schön und grausam.«

Sein Gegenüber nickte ohne Lächeln. Sie ist eine ernste Frau, dachte Thurbold. Freundlich, aber nicht fröhlich. In diesem Land sind gute Menschen selten heiter.

Die Priesterin trug das typische grüne Gewand ihres Kultes. Feldblumen umstanden ihr Haus, die andere ›Unkraut‹ genannt hätten, weil sie für gewöhnlich zwischen dem Getreide wuchsen. Als die Thorwaler in Durân eingetroffen waren, hatte sie gerade Korn zwischen zwei kleinen Mahlsteinen zerrieben. Die Schwielen an ihren Händen bezeugten, dass sie eine Frau der Tat war.

»Wir müssen auf die See«, erklärte Thurbold. »Nur dort wird mein Sohn gesunden. Die Wellen und die salzige Luft sind gut für einen Thorwaler.«

»Erzählt mir mehr von der Herrin, der Ihr fortgelaufen seid.«

»Ja, Hochwürden. Obwohl es keine schönen Geschichten sind.« Er zeigte auf ein Spielbrett. »›Rote und weiße Kamele‹, nicht wahr? Das hat sie eine Zeit lang auch gern gespielt. Aber mit anderen Spielsteinen. Ich war einer davon.«

»Ein lebender Spielstein?«

Nickend sah er aus dem Fenster, atmete die saubere Luft, die dort hereinwehte. »Ich war ein rotes Kamel. Ein besonderes sogar. Ich habe das Spiel nie gelernt, ich kenne die Regeln nicht. Aber es gefiel ihr, mich zu einem Kamel zu machen, das besonders viel tragen konnte. Am Anfang hat mir das nichts ausgemacht, die Farbe hat sogar gekitzelt, als sie mich bepinselt haben. Die ›Steine‹ ihres Gegenspielers wurden mit Mehl geweißt.«

Die Geweihte verzog missbilligend das Gesicht. Die Herrin Peraine schätzte es nicht, wenn Lebensmittel vergeudet wurden.

»Eine Sklavin musste einen Wassertrog halten. Sie stand für eine Oase.

Ayrana Sheyka hat mit ihrem Gast unter einem Baldachin im Schatten gesessen, aber wir waren in der prallen Sonne. Es wurde schnell heiß, unerträglich. Ich musste zwei Netze mit Steinen darin tragen. Das fiel mir leicht, aber weil ich beide Hände voll hatte, konnte ich mir den Schweiß nicht abwischen, der mir in den Augen brannte. Ein Aufseher peitschte die Sklaven, die andere Bewegungen machten als jene, die von den Spielern befohlen wurden. Ich fürchtete die Schläge nicht, aber ich missgönnte ihr die Genugtuung, mich schwach zu sehen. Ich bin ein Thorwaler, ich lache über ein bisschen Schweiß in den Augen. Andere waren nicht so stark. Sie wurden furchtbar geprügelt.«

Die Geweihte nickte. »Sprecht weiter.«

»Wie gesagt, ich kenne die Regeln kaum, aber ich glaube, irgendwann ging es den beiden nicht mehr darum, wer gewann. Ist es nicht so, dass ein Kamel einen zusätzlichen Zug erhält, wenn es an einer Oase trinkt? Sie schickte mich zu der Sklavin mit dem Wassertrog. Ich freute mich schon, denn in der Hitze fühlte ich mich, als sei ich eine verschrumpelte Dattel. Aber im nächsten Zug bewegte sie mich gar nicht, obwohl ich nur zwei Felder entfernt stand. Als sie wieder an der Reihe war, zog sie mich fort, wobei sie mit ihrem Gast tuschelte.

Sie spielten lange, mehrere Stunden. Wenn sie fertig waren, mussten wir uns sofort für die nächste Partie aufstellen.

Irgendwann stand die Sonne senkrecht. ›Zu heiß zum Weiterspielen‹, hat sie gesagt. Dann ist sie mit ihrem Gast ins Haus gegangen, nicht ohne dem Aufseher einzuschärfen, er solle dafür sorgen, dass sich auch kein Spielstein verschiebe.

Er war einer von diesen Männern, die sich selbst für wild halten, der Aufseher, müsst Ihr wissen. Gut, er war kein Schwächling, Muskeln hatte er schon, und dass er mit einer Peitsche umgehen konnte, hatte er bewiesen. Aber diese Bastarde sind nicht wild, nicht frei. Sie liegen in den Ketten ihrer eigenen Grausamkeit. Und Ayrana Sheyka lässt sie nach ihren Launen tanzen, diese Widdermänner. Sie braucht nur ein bisschen trippeln und mit den Hüften wackeln, schon gaffen sie blöde und tun alles, was sie von ihnen verlangt.

Einer von denen jedenfalls führte die Aufsicht. Wir standen in der Mittagshitze, kaum einer von uns hatte seit dem Morgengrauen noch etwas zu trinken bekommen. Ich hatte Kopfschmerzen, die rote Farbe allein schützte nicht besonders gut vor der Sonne. Anfangs schloss ich die Augen, aber dadurch wurde mir schwindelig. Also machte ich sie auf, auch wenn Blitze davor zuckten.

Ich begann, es als Herausforderung zu sehen. Wenn dieser Mensch, der danach strebte, ein Tier zu werden, glaubte, ich könne nicht ein paar Stunden stehen, dann sollte er eines Besseren belehrt werden.

Drei von uns kippten um, zwei peitschte er wieder hoch, der dritte blieb trotz seiner Anstrengung liegen. Dann hörte ich ein Krachen. Ich sah mich um und erkannte, dass die ›Oase‹ den Trog fallen gelassen hatte. Er war aus Ton gewesen, deswegen war er auf dem Boden zerbrochen. Sie stand in einer großen Pfütze. Ich weiß noch, dass ich sie beneidete, weil ihre Füße im kühlen Nass standen.«

Er pustete über den Tee, nahm einen Schluck.

»Aber das dauerte nicht lange. Die Sheyka kam zurück. Sie war außer sich vor Zorn. Anscheinend mag sie es, die Beherrschung zu verlieren, sie bemüht sich niemals um Disziplin. Nicht bei sich selbst.

Jedenfalls war sie wieder einmal richtig wütend. Die Sklavin habe sie blamiert vor ihrem Gast, das sei eine dreiste Frechheit, es sei sogar Verrat. Die ›Oase‹ stand mit demütig gesenktem Kopf. Oft reichte das, um den Zorn ein wenig zu mildern, aber an jenem Tag wurde es immer schlimmer.«

»Was geschah dann?«

»Die Sheyka meinte, die Sklavin wisse ihre Hände ohnehin nicht zu gebrauchen. Sie könne noch nicht einmal einen Trog damit festhalten. Also ließ sie sie abschlagen und schenkte sie ihrem Gast als Andenken. Er trug sie an einer Kette um den Hals, als er davonritt.«

Die Geweihte stand auf und trat an das Fenster. Eine Weile sah sie hinaus. »Ihr könnt hierbleiben«, sagte sie dann. »Wir könnten auch hinausfahren auf das Meer, aber unsere Boote müssen nahe an der Küste bleiben, für die hohen Wellen sind sie zu schwach. Hilft Euch das?«

Thurbold schüttelte den Kopf. »Gebt mir ein Boot und etwas Proviant, zwei Angelschnüre dazu, dann will ich es gemeinsam mit meinem Sohn wagen.« Er wusste, dass er viel erbat.

»Ein Boot ist ein teures Ding für die Familien, die hier leben. Es dauert lange, eines zu zimmern. Außerdem scheint mir Euer Sohn einige Zeit der Pflege zu benötigen. Er hustet noch immer Blut, der Weg über die Hügel hat ihn angestrengt.«

»Auf dem Meer wird er genesen. Auf dem Meer oder nirgendwo. Und wenn er dort seinen Tod findet, dann stirbt er als freier Mann.«

Als sie sich zu ihm umdrehte, sah er sie das erste Mal lächeln.

Er kannte nicht einmal ihren Namen. Vielleicht hatte Serina ihn genannt. Er erinnerte sich nicht mehr. »Lasst ihn fürs Erste in meiner Obhut, das würde der Herrin Peraine gefallen. Lasst mich ihn pflegen, dann fühle ich mich besser, obwohl ich weiß, dass ein starker Thorwaler meiner Künste nicht bedarf. Außerdem haben wir dann Zeit, über Eure Bitte zu beraten.«

Hoffnung, dachte Thurbold. Sie gibt dir Hoffnung. Was könnte wertvoller für einen Mann sein als das? Er reichte ihr die Hand.




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Entnommen aus:
Im Schatten der Dornrose
Fantasy Productions 2009
ISBN: 978-3-89064-136-2